Das größte und fröhlichste Fest: Die Kirbe

Die Kirbe (von Sophie Weishaar)

Das größte und fröhlichste Fest ist bis zum heutigen Tag in Beu­telsbach die "Kirbe", die Kirchweih. Ursprünglich hatte jede Kirchengemeinde ihr eigenes Fest, nicht wie heute die meisten das Ernte- und Herbstdankfest.


In Beutelsbach war nun die Kirbe sehr früh im Jahr, am "Feste Ascens Xxi" (Himmelfahrt), und die Kirchweihpredigt wurde meist an Kantate (4. Sonntag nach Ostern) gehalten. Am Abend vor der Kirbe wurde der Frontrunk abgegeben. Doch nun entstand 1743 ein böser Wirbel um die Kirbe. Nach ergangenem fürstlichem Rescript sollte keine Kirbe mehr vor Bartho­lomä (24. August) abgehalten werden. Pfarrer Harprecht hat also die Kirchweihpredigt nach Bartholomä gehalten: "Es gibt noch morose Bürger, welche sich von ihrer alten Kürbe bishero nicht haben treiben lassen und streiten mehr dafür. . . . wobey ich mich ganz pas­siv halte, ob mir gleich wegen Abänderung dieser Kirchweyh unter­schiedlich Schaden an Haus und Güthern zugefügt worden. Vielleicht seyn die unruhigen Köpfe witzig worden, nachdem ihnen wegen ihres unbesonnen petiti (Eingabe), ihnen zu gestatten ihre Kirchweyh wie ehedem an Fest Asc. Xxi haben zu dürfen, 10 Pfund Heller in den Hei­ligen (Kirchenkasse) und dem expresse abgesandten Kanzleibotten l Gulden zu bezahlen gnädigst angesetzt werden".

Diese Kirchweih­geschichte hat das Dorf ziemlich durcheinandergebracht. Beim Ruggericht 174-5 wurde "von den allhier befindlichen Wittfrauen der Wunsch geäußert, daß wegen der Kirchweyh - hiesigen Orts der Frieden und Einigkeit wieder hergestellt werde". Freilich - für die Frauen war der Kirchweihstreit besonders hart, wußten sie so ja nicht, wann sie Kirbekuchen zu backen hätten. Bis 1746 ging der Streit weiter. Pfarrer Harprecht hielt die Kirchweihpredigt an B artholomä und wieder mußte er feststellen: "Es haben aber bey 15 morose Bürger, welche kurzum ihre Kirchweih auf die alte Zeit nämlich Festo Ascens Xxi, halten wellen, die Predigt nicht besucht, sondern seynd in benachbarten Örter in die Kirch gegangen, seynd aber deswegen von dem Vogtamt bey gehaltenem Ruggericht Jeder um 1/2 Heller in den Heiligen gestraft worden". Der Dekan war mit solchen Methoden nicht einig, er schrieb an den Rand des Berichts: "Ich wollte lieber aus Liebe zum Frieden und Harmonie der Gemüther wegen der Kirchweih, daß ich den dritten Tag hiersein wollte aLs den verdrüßlichen Kürbestreit continuiren (fortsetzen), dann solches Nachgebenist keine Schande sondern eine Ehre und behält Pastor danachden Sieg, daß sie nicht auf Ascens Christi geschieht". Die nächsten Pfarrberichte melden nichts mehr von der Kirbe; erst 1762 wird angegeben, daß die Kirchweihpredigt an Sonntag Kantate gehalten wurde. So hatten denn doch die "morosen" Bürger gesiegt. Nun aber war 1767 die Marktgenehmigung wieder in Kraft getreten, und da wurden es der Feste doch zuviel. Es wurde beschlossen, den Frühlingsmarkt als Kirbeersatz zu nehmen und diese ganz weg­fallen zu lassen. 1770 wurde die Kirchweihpredigt zum letzten Male am Sonntag Kantate gehalten, 1771 "nimmer gehalten, weil die Kirchweih von hiesigen Vorstehere abgethan worden". Nun wurden die Frongaben am Abend vor dem Frühlingsmarkt abgegeben. In den Rechnungsbüchern 1795/96 steht darüber:

Frohn, innerhalb- und außerhalb Fleckens gangen - vorher alle Jahr auf die Kirchweih, vorjezo aber auf den Frühlingsmarkt, da wegen der eingeführten zwei Jahr-Markt keine Kirchweih mehr gehalten werden solle - der gesamten Bürgerschaft wegen der das Jahr umhin zu prästiren habenden Frohnen, wozu derselben niemals als bei harten Frohnen Brod und Wein abgereicht wird, ein Trunk abgegeben worden und zwar auf jeden Burger und Witfrau welche entweder einen Sohn zur Frohn tüchtigen oder Knecht einen zur Frohn tüchtigen Sohn oder Knecht haben, Wein l Maß, Brod für l Kreuzer, ein Kreuzer. Man hat dahero auch heuer diese Observanzmäßigen Burgertrunk auszutheilen resolvirt magistratlich Brod vor 7 Gulden 5 Kreuzer, Wein 2 Aymer 7 Imi 4 Maas 3 Qt.

Als dann auch die Fron abgeschafft wurde und somit der Frontrunk beim Frühjahrsmarkt entfiel, wurde dann der Brauch der Jahrmarktkirbe eingeführt. Heute ist der Beutelsbacher Kirbemarkt nicht zudenken ohne die "Kirbebuaba und Kirbemädla" mit ihrem frohen Treiben während der Markt- und Kirbetage. Diese "Kirbe" hat allerdings nicht mehr viel zu tun mit der ursprünglichen Form der "Kirchweihe", denn sie findet nicht etwa bei der Kirche, son­dern in den Gaststätten des Ortes und überall dort statt, wo es bei neuem Wein, Musik und Tanz recht lustig und vergnügt zugeht. Die Hauptrolle spielt dabei der Kirbejahrgang, das sind die 19- bis 20jährigen, die jedes Jahr darauf bedacht sind, "ihre Kirbe besonders originell zu gestalten. Dieser Brauch, der den jeweiligen "Kirbebuaba und Kirbemädla" besondere ungeschriebene Rechte und Freiheiten einräumt, geht wohl auf die in früheren Zeiten regelmäßig im Herbst anberaumten Musterungen der Wehrpflich­tigen zurück, die, mit Rekrutenbändern und bunten Trachten reich geziert, diesen Tag ziemlich geräuschvoll feierten, besonders wenn gerade in Beutelsbach "Kirbe" war. Dass sich dabei auch noch "Kir­bemädla" dazugesellten, die zum Tanz und fröhlichen Spiel bei­trugen, bedarf wohl keiner besonderen Erklärung. Die Freude des Kirbejahrganges über ihren großen Tag war oft so groß, dass sie mit ihrem Singen und Johlen nicht nur ganz Beutelsbach in Bewegung brachten; sie zogen auch mit ihren pferdebespannten Leiterwagen, mit Birkenreisern, bunten Fahnen und Bändern reich geschmückt, singend und musizierend in die Orte der Umgebung von Beutelsbach und luden damit jung und alt ein zu frohem, lustigem Treiben auf der Beutelsbacher Kirbe.

Ein besonderer Höhepunkt, der bis zum heutigen Tag im Mittel­punkt der Beutelsbacher Kirbe steht, ist das Aufhängen des Kirbetraubens vor der Gaststätte zur Krone in der Marktstraße. Dieser Festakt, der früher vor der Gaststätte zur Krone in der Marktstraße stattfand, wurde neuerdings auf dem Marktplatz verlegt, um die großen Besucherscharen unterbringen zu können. Da­bei wird eine zentnerschwere mit bunten Bändern geschmückte Wein­traube von den "Kirbebuaba" vor dem neuen Rathaus aufgehängt. Musik- und Gesangsvorträge, Volkstänze und andere folkloristische Darbietungen umrahmen diese Veranstaltung, die alljährlich das freudige Interesse vieler Zuschauer findet. Neuer Wein und Zwiebelkuchen, Musik und Tanz bürgen dafür, dass die Beutelsbacher Kirbe Jahr für Jahr zahlreichen Gästen aus nah und fern Freude und Frohsinn vermittelt.

Verfasserin: Sophie Weishaar, Oberlehrerin und Chronistin, Ehrenbürgerin in Strümpfelbach